Ich sehe
grade zu wie einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben ein neuer Teil
seiner Welt zusammenbricht. Ausnahmsweise meine ich nicht Leo, obwohl es auf
ihn auch passen würde. Ich meine meinen lieben Herrn Weyzen. Ein längeres Gespräch
hat uns zu folgendem Problem geführt. Er sieht grade einen der Menschen fallen,
die ihm am meisten bedeuten.
Ich bin der
Meinung, dass das Leben einen einfach nur noch abartigen Sinn für Humor hat,
ungefähr die Art, über die man lachen kann, wenn man es bei anderen hört, und
sich die Augen aus dem Kopf weint, wenn es auf einen selbst zutrifft. Und grade
wegen diesem Sinn für Humor scheint es ein ungeschriebenes Naturgesetz zu sein,
dass immer diese Menschen fallen. Und unsere Hände scheinen dann ins Leere zu
greifen. Es ist egal warum uns der Mensch so wichtig ist. Sei es die geliebte
Mutter, die beste Freundin oder der feste Freund. Das ist gleichgültig. Die Art
des Verlierens ist bei allen gleich schlimm. Krankheit, Unfall oder die
schlimmste Form: seelische Verletzungen, die irreparabel sind.
Es ist als
wenn man zusammen einen Weg entlang geht und plötzlich bricht dem Menschen
neben einem der Boden weg. Und während man noch zugreift, spürte man noch kurz
die Finger der anderen, die die eigenen leicht streifen. Und dann ist da nur
noch ein Loch im Boden und die Leere, die sich in einem ausbreitet.
Herr Weyzen
ist der Meinung, zwei Menschen - grade Geliebte - bilden eine Einheit, sie
würden zu Vollkommenheit führen. Ich will das nicht abstreiten - Liebe kann
viele Grenzen überwinden, aber nicht alle. Man kann einen Menschen auch durch
andere Dinge als den Tod verlieren. Seelische Deformierung kann Menschen
verändern. So sehr, dass man sie, wenn man ihnen wieder ins Gesicht sieht,
nicht mehr erkennt. Ich spreche aus Erfahrung.
Die
eigentliche Frage, die sich jetzt schmerzhaft in meinen Kopf schleicht, ist, ob
der Sturz zwangsläufig erfolgt. Meiner Meinung nach nicht. Denn in dem Fall hat
Weyzen recht, manche Bindungen sind sehr stark. Stark genug um seelische Dinge
zu verhindern, umzuformen oder abzuschwächen. Krankheit, Tod kann man nicht
aufhalten. Aber man kann doch zumindest die Hand ausstrecken und zugreifen.
Ein Leben in
der Finsternis und der Schwarzmalerei ist nicht erstrebenswert. Wenn man lange
genug dort lebt, kann man zwar auch klar sehen, aber es fehlt das
wärmespendende Licht. Auch ein Punkt, in dem Weyzen recht hat.
Heute
scheint der Tag der Offenbarungen zu sein. Und das nicht unbedingt im positiven
Sinne. Ein kräftezährender Nachmittag, der mich mehr mitgenommen hat, als ich
mir und anderen eingestehen will. Und der Abend scheint nicht besser zu werden.
Wenigstens habe ich für morgen alles fertig. Bleibt mir also noch genug Zeit um
an meiner neuen Maske zu arbeiten. Bunte Perlen und ein Lächeln. Kunstvolle
Verzierungen. Und dahinter die kreisenden Gedanken und die langsame Deformation
der Seele.
Die - sich in Dunkelheit hüllende - Lea
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