Sonntag, 4. März 2012

Kunstvoller Schmuck


Ich sehe grade zu wie einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben ein neuer Teil seiner Welt zusammenbricht. Ausnahmsweise meine ich nicht Leo, obwohl es auf ihn auch passen würde. Ich meine meinen lieben Herrn Weyzen. Ein längeres Gespräch hat uns zu folgendem Problem geführt. Er sieht grade einen der Menschen fallen, die ihm am meisten bedeuten.
Ich bin der Meinung, dass das Leben einen einfach nur noch abartigen Sinn für Humor hat, ungefähr die Art, über die man lachen kann, wenn man es bei anderen hört, und sich die Augen aus dem Kopf weint, wenn es auf einen selbst zutrifft. Und grade wegen diesem Sinn für Humor scheint es ein ungeschriebenes Naturgesetz zu sein, dass immer diese Menschen fallen. Und unsere Hände scheinen dann ins Leere zu greifen. Es ist egal warum uns der Mensch so wichtig ist. Sei es die geliebte Mutter, die beste Freundin oder der feste Freund. Das ist gleichgültig. Die Art des Verlierens ist bei allen gleich schlimm. Krankheit, Unfall oder die schlimmste Form: seelische Verletzungen, die irreparabel sind.
Es ist als wenn man zusammen einen Weg entlang geht und plötzlich bricht dem Menschen neben einem der Boden weg. Und während man noch zugreift, spürte man noch kurz die Finger der anderen, die die eigenen leicht streifen. Und dann ist da nur noch ein Loch im Boden und die Leere, die sich in einem ausbreitet.
Herr Weyzen ist der Meinung, zwei Menschen - grade Geliebte - bilden eine Einheit, sie würden zu Vollkommenheit führen. Ich will das nicht abstreiten - Liebe kann viele Grenzen überwinden, aber nicht alle. Man kann einen Menschen auch durch andere Dinge als den Tod verlieren. Seelische Deformierung kann Menschen verändern. So sehr, dass man sie, wenn man ihnen wieder ins Gesicht sieht, nicht mehr erkennt. Ich spreche aus Erfahrung.
Die eigentliche Frage, die sich jetzt schmerzhaft in meinen Kopf schleicht, ist, ob der Sturz zwangsläufig erfolgt. Meiner Meinung nach nicht. Denn in dem Fall hat Weyzen recht, manche Bindungen sind sehr stark. Stark genug um seelische Dinge zu verhindern, umzuformen oder abzuschwächen. Krankheit, Tod kann man nicht aufhalten. Aber man kann doch zumindest die Hand ausstrecken und zugreifen.
Ein Leben in der Finsternis und der Schwarzmalerei ist nicht erstrebenswert. Wenn man lange genug dort lebt, kann man zwar auch klar sehen, aber es fehlt das wärmespendende Licht. Auch ein Punkt, in dem Weyzen recht hat.
Heute scheint der Tag der Offenbarungen zu sein. Und das nicht unbedingt im positiven Sinne. Ein kräftezährender Nachmittag, der mich mehr mitgenommen hat, als ich mir und anderen eingestehen will. Und der Abend scheint nicht besser zu werden. Wenigstens habe ich für morgen alles fertig. Bleibt mir also noch genug Zeit um an meiner neuen Maske zu arbeiten. Bunte Perlen und ein Lächeln. Kunstvolle Verzierungen. Und dahinter die kreisenden Gedanken und die langsame Deformation der Seele. 
Die - sich in Dunkelheit hüllende - Lea

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