Sonntag, 22. April 2012

Die Fahrt über den Styx


Was ist wohl schlimmer? Zu wissen, dass man sterben wird oder eines Tages einfach nicht mehr nach Hause zu kommen? Was ist leichter? Beides hat wohl Vorteile und seinen seltsamen Reiz.
Wenn man weiß, dass man nie wieder an den Ort zurückkehrt, sondern sterben wird, sind die letzten Wort, die man für einander hat mit Bedacht gewählt. Vielleicht wahr um die letzten Dinge noch zu erklären, die bleiben. Vielleicht ein letztes "Ich liebe dich" zu einer Person, die es nicht erwidert. Vielleicht sind diese Worte auch Lügen um den Gegenüber nicht zu verletzen. Vielleicht um ein letztes Mal den anderen zu strafen mit Unaufrichtigkeit.
Ist das leichter für den Zurückbleibenden? Zu wissen, dass man sich ein letztes Mal sieht? Sich ein letztes Mal im Arm hält? Die Worte nie wieder zurückzunehmen sind?
Was ist, wenn man lange wartet, gequält wird von der Unwissenheit über den Verbleib und dann erfährt, der andere wird nie wieder kehren?
Die letzten Worte, vielleicht im Zorn gesprochen, sind kein versöhnliches Ende. Die letzten Dinge, die man gerne noch einmal gesagt hätte, ein Dank für die Zeit, die man gehabt hat - alles das wird man nie mehr sagen können. Keine letzte Umarmung, kein letzter Wunsch, keine Chance um das wichtigste zu wiederholen.
Ist es schlimmer für die Zurückbleibenden? Die Plötzlichkeit, mit der ein Mensch aus dem Leben tritt und ein klaffendes Loch zurücklässt.
Ein leichtes Dahinschieden oder ein plötzlicher Tod? Das Wissen um die letzte Begegnung oder der Schock, dass es zu Ende seien soll?
Ein Abschied ist niemals leicht. Die Lücke zu schließen, die dieser Mensch hinterlassen hat, ist nicht einfacher. Zu wissen, dass es das Ende ist, gibt einem die Möglichkeit mit einem reinen Gewissen zu sterben, weil man alles klären konnte, wenn man diese Chance genutzt hat. Aber die Gewissheit, dass es das Ende ist, ist ein schlimmes Gefühl. Der Versuch alles zu sagen, was wichtig ist - es ist unmöglich. In wenigen Sätzen für ein ganzes Leben danken zu müssen, zu wollen. Und hinterher das Gefühl, die Worte waren nicht genug.
Aber ist es besser, wenn der Tod plötzlich kommt und man nicht ahnt, welche Bedeutung die Worte haben, die man spricht? Wenn man sich später vorwirft im Streit voneinander gegangen zu seien? Ja, man konnte es nicht ahnen. Doch es bleibt der ewige Vorwurf: "Hätten wir doch nicht gestritten, hätte ich nur die Chance mich mit ihm zu versöhnen!" Es bleibt der Wunsch nach letzten Worten. Einer letzten Umarmung.
Kein Ende macht Spaß, keines ist einfach. Dennoch würde ich die letzten Worte lieber bewusst wählen können. Doch eine solche Entscheidung ist selten zu treffen. Wenn nicht Krankheit oder Selbstmord diese ermöglichen. Am schlimmsten ist die Chance auf letzte Worte, die man verstreichen lässt. Auf ewig verfolgt von dem Wunsch die Zeit zurückzudrehen und ein letztes Mal zu sagen: "Danke. Für deine Zeit."
Wenn ich dann am Grabstein stehe und die Worte an ihn richte, weiß ich doch, dass ich sie ihm hätte sagen können, hätte ich den Mut dazu gehabt. Wäre ich noch einmal bei ihm gewesen. Es tut mir leid, dass ich damals nicht bei ihm war um Lebewohl zu sagen. Denn ich wusste um das Ende.
Eine solche Last ist schwer zu tragen. Eine Bürde, die irgendwo auf dem Herzen liegt und einem die Luft abschnürt. Können uns Tote hören? Gibt es so etwas wie "Zwiesprache"? Ich hoffe es. Ich hoffe, dass meine Worte ihn noch erreichen können...
Lea

Freitag, 20. April 2012

Spiel auf Risiko


In letzter Zeit habe ich nicht gebloggt, mein Internet war nicht in Ordnung. Für eine knappe Woche. Aber es kam mir wie eine halbe Ewigkeit vor. Zeit ist etwas faszinierendes. Es ist vollkommen subjektiv. Eine Woche kann einem vorkommen wie ein ganzes Leben oder wie wenige Sekunden. Und in meinem Leben scheint das Wort Zeit noch eine besondere Angewohnheit zu haben. Es ist wie ein großes Karussell - wenn ich nur lange genug warte, komme ich wieder zurück zu Situationen, in denen ich schon einmal war.
Ich habe zwei Fahrten, die ich immer wieder mache: Jedes Mal in einem Abstand von einem knappen Jahr. Die eine seit ungefähr drei Jahren - sie ist mir langsam fast langweilig und zu ermüdend. Und doch muss ich noch ein halbes Jahr warten um zu sehen, ob ich wirklich ausgestiegen bin.
Die Zweite ist grade in voller Fahrt. Deutlich intensiver als das erste Mal. Aber doch genieße ich sie aus vollem Herzen, trotz jedem Schmerz, den sie bringt. Es ist ein berauschendes Gefühl.
Aber um auf den Wert der Zeit zurückzukommen: so langsam beginne ich zu bemerken, dass ich mich einer Situation, der vor etwas mehr als zwei Monaten, annähere. Ich will nicht sagen, ich befürchte es, das stimmt nicht. Ich kann nicht fassen, dass es erst zwei Monate her ist. Ich habe das Gefühl, Jahre sind vergangen in der Zwischenzeit. Die Geschehnisse wollen einfach nicht in diese kurze Zeitspanne passen. Zu viele Gefühle, Entscheidungen, Briefe.
Ich bin neugierig, was wohl passieren wird in den nächsten zwei Wochen. Mein Verstand sagt mir, dass ich die Situation vielleicht ändern sollte, aber mich hat mein Spielersinn erfasst. Die Karten sind verteilt, wie ich auch Leo vor kurzem gesagt hab, und ich will sehen, was sich mit dem Blatt spielen lässt. Es ist eine solide Basis, die durch die richtigen Karten entweder zum Gewinn oder zum totalen Verlust führen kann. Mein Einsatz? Herz, Verstand, Vernunft.
Spiel auf Risiko. Traut man sich oder ist einem der Einsatz zu hoch? Meine höchste Karte? Mein ganzes Blatt ist fast nur Herz. Vielleicht bringt es mir mein Herz und meinen Verstand zurück.
Die Karten sind gemischt. Pokerface und Beginn des Reizens. So schnell zieht mich keiner mehr über den Tisch.
Lea

Freitag, 13. April 2012

Wanderschaft


Subjektivität ist etwas interessantes. Jeder sieht eine Situation anders. Manchmal erscheinen einem Dinge im entsprechendem Moment viel schlimmer als sie wirklich sind. So geht es mir grade. Wenn ich zurück blicke und an den Fall von gestern Nachmittag denke, kam es mir vor wie ein endloser, schmerzhafter, tödlicher Sturz. Aber mir ist eine Sache bewusst: Ich hab den Faden noch, er hält mich noch fest. Es ist diese Erkenntnis, die mich dazu gebracht hat mich zu drehen und auf beiden Füßen zu landen.
Ich kann noch sehen, von wo ich gefallen bin - der Weg ist gar nicht so tief gewesen, er kam mir nur so endlos lange vor. Und wenn ich mich umsehe - es hat sich nicht viel geändert. Einen Moment lang war ich versucht einfach wieder hinaufzuklettern. Aber ich hatte eine bessere Idee. Warum nicht einfach die Kapuze aufsetzen und auf dieser Ebene weiterlaufen? Wieso nicht ebenso wie der Göttervater Wotan aus "Siegfried" als unbekannter Wanderer durch die Welt ziehen? Geschützt durch diese Anonymität.
Ich bin neugierig, was ich hier finden werde. Neugierig wohin der Weg mich führt. Neugierig wie lange ich bereit bin, ihm zu folgen.
Ich habe doch alles, was ich brauche für den Weg. Jedes einzelne Werkzeug ist in mir. Es wird Zeit sie zu nutzen zu lernen.
Ich halte euch über meine Reise auf dem laufendem.
Lea

Dienstag, 10. April 2012

Fall auf Fall


Ich hatte euch gestern gesagt, ich würde den Fall kennen. Hier die Erklärung dafür. Es ist schon knapp zwei Jahre alt. Aber im Prinzip verändert sich der Fall ja kaum. 



Zyklus: Zerbrochene Gefühle
Teil I: Im freien Fall

 Für einen Moment dem Himmel so nah und im Nächsten bist du im Regen und fällst und niemand hält dich. Und du kannst nicht um Hilfe rufen, du bist mit Stummheit geschlagen. Und während du fällst, verfluchst du deine Dummheit, deine Idiotie, du hast alles falsch gemacht was man falsch machen konnte und mit dieser Erkenntnis hörst du nicht auf zu fallen, du wirst noch schneller und dennoch erscheint kein Boden, keine Erlösung, nur das Ungewisse, die Angst vor dem Boden und du wünscht nur, dieser Schmerz möge enden. Die Fesseln, die dein Herz zerdrücken, mögen sich lösen. Und das leere Gefühl in deinem Bauch, in deinem Kopf, in deinem Herzen, in deinem Körper, es möge verschwinden und ihn wieder zu dir bringen. Und während die Tränen laufen und deinen Körper schütteln, und du gegen sie kämpfst, wird dir die Aussichtslosigkeit dessen nicht bewusst. Und solange du nicht weißt, was du willst, wie es weiter gehen soll, wirst du nicht aufhören zu fallen, wirst du keinen Boden sehen, du wirst nicht ankommen. Und wenn du dich nicht schnell genug rettest, wirst du nie aufhören zu stürzen.
 Ich vermisse dich, dein warmes Lächeln, deine tiefen Augen, deine starken Arme, deine Küsse, dein Wesen, einfach alles an dir und dennoch, das war es wirklich wert, der Schmerz, die Trauer im Gegenzug für einen kleinen Moment des Glücks, auch wenn ich wünschte, ich hätte mehr Zeit gehabt diesen Moment zu genießen, in deinem Arm zu ruhen, in deinen Küssen zu versinken, der wichtigste Teil deines Lebens zu sein, in deiner Nähe zu verweilen. Der Gedanke, dort hin nie wieder zu kommen, macht mich mehr als traurig, er bringt mich langsam und schmerzhaft um, Tränen sind kein Ausdruck dafür und auch Wut hilft nicht, ich kann nichts tun als abzuwarten in der Hoffnung, es möge vorbei gehen, ich möge auf einem Boden aufschlagen und sterben oder weich landen und gehen - um eine Erfahrung, ein Gefühl, eine Erkenntnis reicher. Und dennoch quält mich die Angst vor der Landung.
 Fallen oder Aufkommen?
 Was willst du lieber?


 Lea

Montag, 9. April 2012

Halteseile


Ich bin wieder in meiner Heimatstadt angekommen. Mit zusammengebissenen Zähnen hänge ich über dem Metallrahmen meines Bettes und verfluche mich. Zum einen vor Schmerzen - mein sowieso ziemlich schlechter Rücken ist mir gestern irgendwann im Laufe des Tages völlig ruiniert worden. Jede Bewegung zuckt wie ein Schock immer wieder ins Gehirn und meldet die Schmerzen. Da ist meine Position natürlich wenig förderlich. Aber ich brauche sie grade. Denn ich fluche mental noch aus anderen Gründen. 
Einer ist, dass ich wieder in dieser tristen, grauen Stadt bin. Tatsächlich scheinen hier wirklich die Farben zu fehlen. Wie ein Abgrund tut sich vor mir die altbekannte depressive Stimmung auf. Scheint mich magisch anzuziehen, während ich mit aller Kraft in die andere Richtung strebe. Gegen den Wind, der mich in den Abgrund treiben will. Ich habe geahnt, dass es wieder schwer wird. Aber ich hätte gedacht, dass ich mehr Zeit bekomme um mich vorzubereiten.
Und noch ein letzter Grund bereitet mir Schmerzen. Die Ungewissheit. Die Angst vor dieser verdammten Nadel, die meine Träume platzen lassen will. Wenn man paranoisch wird, beginnt man ja überall Anzeichen zu sehen für solche Dinge. Und grade scheinen sie überall zu seien. Mental verpasse ich mir für jede Träne, die ich weinen will, eine Ohrfeige. Keine Tränen. Nicht heute. Nicht deswegen! Das wäre für mich der erste Schritt zu akzeptieren, dass ich in einer Seifenblase sitze. Die Akzeptanz, dass ich es träume und es unrealistisch ist. Ich will nicht die Kraft verlieren, die ich aus ihr ziehe. Ich weigere mich der Realität ins Auge zu blicken. Weil mich dann nichts mehr vom Abgrund fernhält.
Kennt ihr den Ariadnefaden? Ein Geschenk in der griechischen Mythologie. Ariadne schenkte Theseus einen Faden, der ihn aus dem Labyrinth des Minotaurus wieder hinausführte. Ein alltägliches Geschenk, könnte man meinen. Ungefähr so muss man sich diese Seifenblase für mich vorstellen. Es ist eine Alltäglichkeit. Keine große Sache. Und auch nicht wirklich besonders. Aber dieser Faden - diese Blase - hält mich, gibt mir Kraft. Und ich weiß, wenn ich das verliere, ist der Schritt in den Abgrund fast schon sicher.
Zack - eine mentale Ohrfeige. Das Thema stimmt mich traurig. Schluss damit. Noch halte ich mich fest, schwebe über dem Abgrund. Kein Fall. Nicht heute. Nicht deswegen. Nicht solange mich noch ein winziges Stück Faden hält.
Lea