Montag, 9. April 2012

Halteseile


Ich bin wieder in meiner Heimatstadt angekommen. Mit zusammengebissenen Zähnen hänge ich über dem Metallrahmen meines Bettes und verfluche mich. Zum einen vor Schmerzen - mein sowieso ziemlich schlechter Rücken ist mir gestern irgendwann im Laufe des Tages völlig ruiniert worden. Jede Bewegung zuckt wie ein Schock immer wieder ins Gehirn und meldet die Schmerzen. Da ist meine Position natürlich wenig förderlich. Aber ich brauche sie grade. Denn ich fluche mental noch aus anderen Gründen. 
Einer ist, dass ich wieder in dieser tristen, grauen Stadt bin. Tatsächlich scheinen hier wirklich die Farben zu fehlen. Wie ein Abgrund tut sich vor mir die altbekannte depressive Stimmung auf. Scheint mich magisch anzuziehen, während ich mit aller Kraft in die andere Richtung strebe. Gegen den Wind, der mich in den Abgrund treiben will. Ich habe geahnt, dass es wieder schwer wird. Aber ich hätte gedacht, dass ich mehr Zeit bekomme um mich vorzubereiten.
Und noch ein letzter Grund bereitet mir Schmerzen. Die Ungewissheit. Die Angst vor dieser verdammten Nadel, die meine Träume platzen lassen will. Wenn man paranoisch wird, beginnt man ja überall Anzeichen zu sehen für solche Dinge. Und grade scheinen sie überall zu seien. Mental verpasse ich mir für jede Träne, die ich weinen will, eine Ohrfeige. Keine Tränen. Nicht heute. Nicht deswegen! Das wäre für mich der erste Schritt zu akzeptieren, dass ich in einer Seifenblase sitze. Die Akzeptanz, dass ich es träume und es unrealistisch ist. Ich will nicht die Kraft verlieren, die ich aus ihr ziehe. Ich weigere mich der Realität ins Auge zu blicken. Weil mich dann nichts mehr vom Abgrund fernhält.
Kennt ihr den Ariadnefaden? Ein Geschenk in der griechischen Mythologie. Ariadne schenkte Theseus einen Faden, der ihn aus dem Labyrinth des Minotaurus wieder hinausführte. Ein alltägliches Geschenk, könnte man meinen. Ungefähr so muss man sich diese Seifenblase für mich vorstellen. Es ist eine Alltäglichkeit. Keine große Sache. Und auch nicht wirklich besonders. Aber dieser Faden - diese Blase - hält mich, gibt mir Kraft. Und ich weiß, wenn ich das verliere, ist der Schritt in den Abgrund fast schon sicher.
Zack - eine mentale Ohrfeige. Das Thema stimmt mich traurig. Schluss damit. Noch halte ich mich fest, schwebe über dem Abgrund. Kein Fall. Nicht heute. Nicht deswegen. Nicht solange mich noch ein winziges Stück Faden hält.
Lea

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