Freitag, 16. März 2012

Exkurs in tiefere Gewässer


Jeder kennt ihn. Den Mann, der am Wasser steht und die Menschen beobachtet, die schwimmen gehen. Aber er interessiert sich nicht für die Schwimmer. Leute, die ohne Schwierigkeiten durch das Wasser gleiten, sind für ihn nicht von Bedeutung. Er sucht nach denen, die im seichten Wasser stehen -unfähig und zu ängstlich um sich tiefer zu trauen -aus Angst zu ertrinken. Diese Menschen sind es, die ihn faszinieren. Ihre Schwäche. Ihre Unfähigkeit etwas so simples und von der Gesellschaft anerkanntes zu erlernen. Ob nun Männer, Frauen oder Kinder. Er sieht sie alle. Studiert ihre Schwäche. Sieht sie, nimmt sie auseinander.
Er geht wie zufällig hinter einem Kind entlang, dass unsicher am Ufer auf und ab geht - es kann nicht schwimmen. Und er stößt es in die Fluten. Sieht zu wie es im Wasser strampelt, sich abmüht um nicht unter zu gehen. Er lächelt und beugt sich zu ihm hinunter. Sagt ihm, dass er es, wenn es ihn bittet, wieder rausziehen wird. Das Kind bittet, bettelt unter Tränen und Todesangst. Locker streckt er die Hand aus und zieht das Kind heraus. Es zittert, weint. Hat noch immer Angst und die spiegelt sich auch in seinen Augen. Wie großzügig er doch sei, meint er. Da habe er grade einem armen Kind das Leben gerettet.
Er geht davon noch immer grinsend auf der Suche nach dem nächsten Nichtschwimmer.

Wer ist derjenige, der dich ins Wasser schubst? Und warum kannst du darin nicht schwimmen? Warum er es tut, ist ja wohl klar. Erniedrigung eines anderen zur Erhöhung seiner selbst. Die größte Form der Schwäche.
Gibt es diesen Menschen auch in eurem Leben?

In Wasser starrend,
Lea

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