Eiswanderung
Ich zittere. Der Wind ist eiskalt, bringt immer mehr Schnee
mit sich, der mir den Weg vorwärts erschwert. Schon jetzt ist um mich herum
nichts zu sehen als endlose Weiten voller weiß. Verlassene Kälte. Mein ganzer
Körper wird von heftigen Zitteranfällen durchgeschüttelt, der dünne Mantel hält
der Kälte kaum stand, ist kein Schutz dagegen. Jeder Schritt scheint ewig,
kostet unendlich viel Kraft. Ich weiß selbst um die Sinnlosigkeit jedes
Schrittes, aber ich gehe trotzdem weiter. Meine Ohren sind erfüllt vom Rauschen
des Windes und dem Knirschen des Schnees unter meinen Füßen. Sonst ist die
Einsamkeit perfekt. Nicht die Andeutung von Leben. Nicht einmal Tiere, erst
recht keine Zivilisation. Der einzige Gedanke, den ich fassen kann, ist: Wie
bin ich hierhergekommen? Mir fällt die Antwort nicht ein. Ich weiß nur, dass
ich gelaufen bin. Wer hat mir das angetan? Ich strauchle und falle. Der Sturz
tut nicht weh, der Schnee dämmt ihn, aber ich weiß nicht, ob ich die Kraft
habe, wieder aufzustehen. Nur einen
kleinen Moment lang möchte ich ausruhen. Nur einen Moment liegen bleiben und
entspannen. Einen Augenblick Kräfte sammeln und zur Ruhe kommen. Die
Aussichtslosigkeit der Situation vergessen und träumen. Von einem warmen Bett.
Von Decken. Von einem gedeckten Tisch. Von meiner Mutter, die mich festhält.
Von meinem Bruder, der den Kopf schüttelt und lächelt. Von Liebe. Die Gedanken
verbreiten eine angenehme Wärme in mir. Ausgehend vom Herzen fließt sie durch
meinen ganzen Körper: durch meine Arme und Beine, in meine Füße und
Fingerspitzen, in mein Gesicht, meine Wangen und Nase. Ich genieße dieses
Gefühl, es gibt mir Hoffnung. Wenn ich mir vorstelle wie meine Hündin aufs Bett
springt und über mein Gesicht leckt, huscht die Andeutung eines Lächelns über
mein eisiges Gesicht. Freude durchfährt mich. Meine Kleine. Ich vermisse sie.
Wie im Traum höre ich ihr Winseln und Bellen. Ich höre das Lachen der Menschen,
die mir nahe stehen. Hitze brennt wie Feuer in meinen Adern. Am Rande frage ich
mich wieso der Schnee um mich herum nicht einfach wegtaut. Ich müsste ihn doch
praktisch wegbrennen. Seufzend schließe ich die Augen. Ich bin müde und mir ist
warm. Jetzt ist für mich der richtige Moment zu schlafen. Die Erschöpfung legt
sich über mich. Die Geräusche werden leiser, während ich wegdämmere. Die
Wirklichkeit fließt mit dem Traum ineinander. Ich kuschel mich noch etwas in
meinen Mantel. eigentlich brauche ich ihn nicht mehr, mir ist warm genug. Dass
ich die Augen nie wieder öffnen werde, ist mir auch in meinem letzten wachen Moment
nicht bewusst...
Lea
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen